Hauptinhalt
Wer war der Mann aus dem Eis?
Bei dem Versuch, seinen gesellschaftlichen Status zu deuten, nimmt das mitgeführte Kupferbeil eine zentrale Stellung ein. Kupferbeile und -dolche waren Statussymbole und kennzeichneten die Krieger- und Führungsschicht. Dies wird uns in den menschengestaltigen Bildsteinen überliefert. Der Mann aus dem Eis, bzw. seine Familie, hatte deshalb eine angesehene Position innerhalb der Dorfgemeinschaft inne. Dabei kann an Herdenbesitzer, Anführer oder Dorfvorsteher gedacht werden.
Bezüglich seiner Rolle in der Dorfgemeinschaft kamen zahlreiche Theorien auf:
- Man vermutete, der Mann aus dem Eis sei ein Schamane gewesen, der zur Ausübung seiner priesterlichen Funktionen das Hochgebirge aufgesucht hätte. Keine vertretbaren Indizien, wie zum Beispiel eine Sakraltracht oder rituelle Gerätschaften, untermauern diese Theorie.
- Aufgrund der Tatsache, dass der Mann aus dem Eis ein Kupferbeil mit sich führte, wurde er schließlich als Erzsucher angesprochen, der im Gebirge unterwegs war, um Erzlagerstätten zu erkunden. Allerdings ist dagegen einzuwenden, dass er weder dafür geeigneten Werkzeuge noch Erzstücke bei sich hatte.
- Durch die mitgeführten Waffen, also Pfeil und Bogen, wird häufig die jägerische Komponente hervor gehoben. Diese sind aber vielseitig einsetzbar, auch gegen menschliche Bedrohung. Ebenfalls auf Jagdaktivitäten weist ein teilweise erhaltenes Netz hin, das zum Vogelfang oder zur Hasenjagd verwendet werden konnte. Mit seinen Geräten aus Silex und Geweih hätte er erlegtes Wild aufbrechen und verarbeiten können.
- Keine stichhaltigen Hinweise liegen für eine Deutung des Mannes aus dem Eis als Händler vor. Der Mann führte sechs Geräte aus Silex mit sich, die aber nicht den Charakter von Tauschwaren haben, sondern von persönlichen Gebrauchsgegenständen. Wie der mitgeführte Retuscheur zeigt, konnte er die Geräte selbst herstellen und bei Bedarf nachschärfen. Auch sonst gibt es in seiner Ausrüstung keinen Gegenstand, den er hätte feilbieten können.
- Schließlich wurde der Mann aufgrund seiner Ausstattung als Hirte oder Wanderhirte gedeutet. Das Wanderhirtentum war eine verantwortungsvolle Aufgabe und fest mit der Wirtschaft der Siedlungsgemeinschaft verbunden. Neben dem Beschützen der Herde gehörte zu dieser Tätigkeit auch die Jagd, die Nahrungsbeschaffung sowie das Reparieren schadhaft gewordener Bekleidung und Ausrüstung. Tatsächlich steht Ötzis Bekleidung und Ausrüstung im Einklang mit all diesen Tätigkeiten. Aufgrund seiner Ausrüstung -insbesondere der Glutbehälter- war er für einen mehrtägigen Aufenthalt im Hochgebirge gerüstet. Weiters weisen die Getreidereste an seiner Kleidung und im Glutbehälter auf einen, wenige Zeit zurückliegenden, Kontakt mit der Talsiedlung hin.
Gut zu dieser Theorie passt auch die Position der Fundstelle, die im Bereich eines wichtigen Übergangs vom Schnals- ins Ötztal liegt. Nachweislich wurden im hinteren Ötztal seit der Jungsteinzeit die natürlichen Gebirgswiesen oberhalb der Waldgrenze vom Menschen als Weidegebiet genutzt.
Gegen die Deutung des Mannes aus dem Eis als Wanderhirte spricht, dass an den Kleidern des Mannes sowie am Fundort selbst keine Spuren von Schafen, Ziegen oder Hunden nachgewiesen werden. Als Hirte hätte er mit Sicherheit körperlichen Kontakt mit diesen ihm anvertrauten Tieren gehabt.
Bereits kurz nach der Auffindung der Mumie kursierte das Gerücht, der Mann aus dem Eis sei ein von der Gesellschaft Ausgestoßener oder auf der Flucht gewesen. Die jüngsten Erkenntnisse zu seiner Todesursache sowie die Verletzungen an den Händen und am Kopf werfen ein neues Licht auf die Fluchttheorie. Allem Anschein nach war der Mann aus dem Eis kurz vor seinem Tod in eine Auseinandersetzung verwickelt. Das könnte ihn veranlasst haben, ins Hochgebirge zu flüchten. Dabei wurde er aber von seinen Angreifern fast eingeholt und von einem Pfeil getroffen. Mit letzten Kräften hat er anscheinend seine Verfolger abgeschüttelt und die Felsrinne erreicht, wo er aber an den Folgen des Angriffs verstarb.


