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30.08.2010 - 14:15

Ötzi nicht am Gletscher bestattet

Stellungnahme des Südtiroler Archäologiemuseums zur „Bestattungstheorie“ des Mannes aus dem Eis
von A. Vanzetti, M. Vidale, M. Gallinaro, D.W. Frayer und L. Bondioli, veröffentlicht in der
Fachzeitschrift „Antiquity“ 84/2010.

Eine vergangene Woche in den Medien vorgestellte Theorie, nach der Ötzi, der Mann aus
dem Eis, nicht am Gletscher starb, sondern erst später zur Bestattung dorthin gebracht
wurde, wird von der Iceman‐Forschung abgelehnt.

Der Archäologe Alessandro Vanzetti von der Universität „La Sapienza“ in Rom und seine
Mitautoren rekonstruieren in seinem Artikel „The Iceman as a burial“ (erschienen in „Antiquity“
84/2010) die räumliche Lage des Mannes aus dem Eis an seiner Fundstelle am Tisenjoch
(Südtirol/Italien). Daraus und aus botanischen Untersuchungen zieht er den Schluss, dass Ötzi
nicht am Unfallort umkam, sondern im Frühjahr innerhalb seiner Tal‐Gemeinschaft verstorben
war und erst im September auf das Tisenjoch gebracht und dort bestattet wurde.
Vanzettis Szenario, das auch in der Vergangenheit schon mehrfach diskutiert wurde, weist in
der Argumentationskette und in der archäologischen Verortung grundlegende Schwächen auf,
so dass seine Behauptung von den meisten Iceman‐Forschern nicht nachvollzogen werden
kann
. Sie sehen Pollen und das Verteilungsmuster der Beifunde nicht dazu geeignet, die
Todesursache, eventuelle Körperveränderungen nach dem Tode oder Bestattungsriten zu
belegen.
Aus archäologischer Sicht ist zu bemerken, dass die Auffindung einer Leiche aus der Kupferzeit
auf dem Tisenjoch einmalig ist. Es gibt zwar rituelle Bestattungen auf Bergen oder in
Höhenlagen bei südamerikanischen Kulturen, doch sind im Alpenraum keine vergleichbaren
Fälle bekannt. Im Gegenteil, während der Kupferzeit hat es hier reguläre Bestattungsorte in
Siedlungsnähe
gegeben. Selbst wenn sehr komplexe Bestattungsriten (Einzel‐, Kollektivgräber,
Primär‐, Sekundärbestattung, Körper‐, Brandbestattung) vorlagen, gibt es keine Hinweise auf so
siedlungsferne Bestattungsorte.
Zu Vanzettis ethnohistorischer Argumentation, dass in Tirol Menschen nach ihrem Tod
aufbewahrt und erst nach der Schneeschmelze über die Jöcher in Friedhöfe getragen wurden,
erinnern die Archäologen daran, dass dies mit dem System der christlichen Friedhofskirchen
und den Grundherrschaftsstrukturen des Mittelalters zu erklären ist. In diesen Fällen wurden
die Toten sobald als möglich auf ihrem kirchenrechtlich zugehörigen Friedhof bestattet. Ziel war
es dabei allerdings, die Toten zum Friedhof im Dorf zu bringen und nicht vom Dorf auf den Berg.
Lediglich für das Aufbewahren von Leichen gibt es somit eine Analogie aus christlichen Zeiten.
Für die Ötzi‐Zeit (Kupferzeit) kann die Transport‐Analogie nur als Spekulation gelten.
Wäre der Mann aus dem Eis, wie in Vanzettis Artikel beschrieben, im April in einer Tallage
gestorben und erst im September auf den Berg gebracht worden, müssten auch trotz
Mumifizierungsversuchen stärkere Dekompositionsprozesse sowie Insektenbefall nachweisbar
sein. Da diese fehlen, geht man davon aus, dass die Leiche zwar viel von seiner
Körperfeuchtigkeit verloren haben muss, aber nach kürzester Zeit eingefroren und von einer
Schnee‐ oder Eisdecke geschützt wurde. Diese spezielle Situation führte zu der weltweit
einzigartigen Mumifizierung des Mannes aus dem Eis, bei der Feuchtigkeit im Gewebe erhalten
geblieben ist. Seine Feuchtkonservierung beruht auf einem Gefriertrocknungsprozess und ist
nicht mit einer Trockenmumifizierung zu erklären, wie Vanzetti mutmaßt.
Wichtigster forensischer Beleg dafür, dass der Verlust von Körperfeuchtigkeit sich nicht
anderswo als an der Fundstelle hat vollziehen können, ist die Position des linken Armes und der
ununterbrochene Blutstrom von der verletzten Arterie durch den Schusskanal hinaus bis an die
Haut. Dieser Befund belegt zweifelsfrei, dass die Lage des Armes exakt die Todeslage ist und
noch bei funktionierendem Kreislauf zustande gekommen ist. Bei Nachlassen der Leichenstarre
wäre es ein Leichtes gewesen, den Arm an den Körper anzulegen.
Vanzetti behauptet dagegen, dass der Körper intakt auf dem Gletscher bestattet wurde und
erst während der Gletscherschmelze den Hang hinunter rutschte. Dabei habe sich der Arm in
die bekannte Stellung vor der Brust gedreht. Dies ist undenkbar wenn, wie die Autoren zuvor
behaupten, Ötzi schon ein paar Monate vorher gestorben war und mumifiziert wurde. Damit
könnte der steife Arm gar nicht mehr in seine Position gebracht werden, ohne ihn oder die
Schulter erheblich zu beschädigen. Tatsächlich befinden sich alle Gelenke des Mannes aus dem
Eis in anatomisch korrekter Position. Ein Transport der intakten Mumie auf den Gletscher ist
damit ausgeschlossen.

Wichtiger Bestandteil in Vanzettis Beweisführung von einer Berg‐Bestattung im Herbst sind
auch Ötzis Pollenanalysen von der Universität Innsbruck, doch gibt es Ungereimtheiten im
zeitlichen Ablauf des vom ihm vermuteten Bestattungsvorgangs. Nur ein Detail: Pollen‐
Analysen aus aufgetautem Eis können nicht als Beweismittel für eine Herbstbestattung
herangezogen werden
. Wenn nämlich die Fundgegend aufgetaut ist, was die Autoren auch
annehmen, dann liegen die Pollen nicht mehr in der originalen Schichtung vor, sondern sie sind
mit dem Pollengehalt aus jüngeren Schichten vermischt.

Die Argumente für eine von Vanzetti et al. vermutete Bestattung am Gletscher überzeugen
deshalb sowohl von archäologischer wie aus naturwissenschaftlicher Seite nicht. Detaillierte
Antworten aus Archäologie und Naturwissenschaften, die eine Expertendiskussion mit den
Autoren zum Ziel haben, wurden in der Zwischenzeit veröffentlicht: Zink, A. / Graefen, A. /
Oeggl, K. / Dickson, J. / Leitner, W. / Kaufmann, G. / Fleckinger, A. / Gostner, P. / Egarter Vigl, E.:
The Iceman is not a burial: reply to Vanzetti et al. (2010) Antiquity 85. In: Antiquity Volume 085
Issue 327 March (2011) http://www.antiquity.ac.uk/projgall/zink328/


Dr. med. Eduard Egarter Vigl, Primar i.R. für Pathologie am Regionalkrankenhaus Bozen und
Konservierungsbeauftragter des Mannes aus dem Eis (I)
Dr. Angelika Fleckiger, Archäologin, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums Bozen (I)
Dr. med. Paul Gostner, Radiologe, Primar i.R. für Radiologie am Regionalkrankenhaus Bozen (I)
Dr. Günther Kaufmann, Archäologe, Konservator am Südtiroler Archäologiemuseum Bozen (I)
Ao. Univ.‐Prof. Dr. Walter Leitner, Archäologe, Leiter des Instituts für Archäologien, Universität Innsbruck (A)
Ao. Univ.‐Prof. Dr. Klaus Oeggl, Botaniker, Institut für Botanik an der Universität Innsbruck (A)
PD Dr. Albert Zink, Molekularbiologe und Paläopathologe, Leiter des EURAC‐Instituts für Mumien und den Iceman
Bozen (I)

Bozen, 30.08.2010
Fotos: Die beigelegten Pressefotos sind honorarfrei, wenn mit folgendem Copyright
veröffentlicht: © Südtiroler Archäologiemuseum
Bildthemen: Der Mann aus dem Eis während einer Untersuchung, Der Mann aus dem Eis in
seiner Kühlzelle, Fundstelle am Tisenjoch

Informationen: Katharina Hersel, Pressebüro Südtiroler Archäologiemuseum
Tel.: +39 0471 320114
E‐Mail: katharina.hersel@iceman.it; press@iceman.it
Südtiroler Archäologiemuseum
Museumstr. 43
I‐39100 Bozen
www.iceman.it

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Der Mann aus dem Eis in seiner KühlzelleDer Mann aus dem Eis in seiner Kühlzelle
Fundstelle am TisenjochFundstelle am Tisenjoch
Der Mann aus dem Eis während einer UntersuchungDer Mann aus dem Eis während einer Untersuchung